Blaue Blumen (2005)

BLAUE BLUMEN BLUE FLOWERS
(4:3, 22 Min., Farbe colour, D 2005)

Mitarbeit cooperation
Valeria Del Vecchio

Gefördert durch die Filmwerkstatt Kiel
der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

BLAUE BLUMEN (Videostill, 2005)

Blaupausen der Romantik

„Wem gefiele nicht eine Philosophie, deren Keim ein erster Kuss ist?“,
lässt der romantische Dichter Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen fragen.
In Kai Zimmers BLAUE BLUMEN ist dies Zitat die letzte Einstellung.
Vorangegangen sind Kaskaden von Naturbildern, wie sie ein Romantiker
nicht besser hätte zeichnen und erdichten können, und ihnen
untermalte Hollywood-Musiken, wie keine Trivialisierung
der Romantik besser hätte deutlich machen können,
dass letztere jetzt und immerdar weiterlebt.

Hollywood als Pose und Blaupause spielt in den meisten
Experimentalfilmen von Kai Zimmer eine wichtige Rolle.
Wie konserviert Film Gefühl und Sentimentalitäten?
Diese Frage hat er sich oft gestellt. In BLAUE BLUMEN wird sie
konzentriert auf Novalis’ Roman „Heinrich von Ofterdingen“.
Zimmers Film nähert sich dem Roman so fragmentarisch,
wie der nie vollendet wurde. Eine unendliche Geschichte
der Romantiken, erzählt in zum Teil raschen Schnitten,
einem Staccato der Naturbilder.

Dass Romantik nicht nur eine einzelne sei, sondern vielfach
kopiert und gleichwohl selten erreicht, das zeigt der Film in
ruhig fließender Bilderflut. Das Abenteuer Romantik als
Blaupause des Abenteuerfilms, ausgesprochen dramatisch
in der Kollisionsmontage von Bild und vorgefundener
hymnischer Hollywood-Tonspur. Die Romantik nahmen
ihre Erfinder wahr als „Zeit, wie da die Tiere und Bäume
und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten“.
Pantheismus – in allem spricht der Weltgeist.
Und genau in diesem Geist montiert Zimmer Szenen aus
romantelnden Hollywoodstreifen mit eigenen süffigen Naturaufnahmen.

„Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt“, benennt
‚Novalis’ Heinrich ein Programm, das Zimmer in Filmbilder gießt.
Ruhig, beinahe stoisch in den Wolken- und Ostseewellenbildern
der Exposition, wirr flatternd – wie die neben Blüten,
die nie blau sind, immer wieder durchs Bild segelnden Vögel
– in den von Schwarzbild unterbrochenen Irrlichtern
aus der Traumfabrik der Westcoast.

Kai Zimmers Film gelingt ein betörender Dreisprung
zwischen historisierter Romantik, gegenwärtig
erschauerndem Sentiment und beides nicht ohne Ironie
verbindendem Kommentar. Ein erster Kuss auf Novalis’
elaboriertes Betriebssystem Romantik 1.0, und also
ein unbedingt philosophisches Filmwerk.
(Jörg Meyer)