Kombination 1 (1999)

KOMBINATION 1
(Videoinstallation, Mixed Media, 1999)

KOMBINATION 1 (Installationsansicht Stadtgalerie Kiel, 1999)

KOMBINATION 1 (Installationsansicht Stadtgalerie Kiel, 1999)

Zu Kombination 1

Die Arbeit besteht aus 48 gerahmten Fotos,
die einen Fries von ca. 30 Meter Länge (Maße variabel) bilden.
Es handelt sich um Stills von zwei Videos, die je 24 Stunden dauern
und mit fester Kameraeinstellung Blicke aus Fenstern von Kai Zimmers
Wohnungen zeigen; das eine Mal auf einen Parkplatz, das andere Mal
auf eine Bushaltestelle. Die Stills markieren die Stundenabstände,
wie durch die eingeblendete Zeitzählung belegt ist.
Es ist nicht viel Bewegung in diesen Fotos. Die auffälligste Veränderung
liegt im Kommen und Gehen des Tageslichtes.

Die beiden 24 Stunden-Abläufe werden räumlich getrennt
durch einen Monitor auf einem Kofferprojektionstisch.
Der Monitor steht mit dem Bildschirm zur Wand,
so dass der Betrachter in den schmalen intimen Raum
zwischen Monitor und Wand treten muß, um das laufende Video
zu sehen. In dieser Situation ist der Fotofries
im Rücken des Betrachters ausgeblendet.

Fasst man beide Teile der Installation in ein Bild zusammen,
so könnte man an einen Vogel oder an ein Segelflugzeug denken,
die mit weit ausgebreiteten Schwingen durch den Himmel gleiten,
eine sehr schöne plastische Erfindung für ein Medium,
das ja eigentlich immateriell daherkommt.

Auf dem Monitor läuft eine Art Video-Selbstportrait von Kai Zimmer.
Es hat den Titel NO QUESTIONS, stellt aber lauter Fragen.
Auf dem Bildschirm erscheint die Arbeitsoberfläche eines
Computers, die Kommunikation wird gestartet.
Auf der rechten Seite erscheint das Portraitfoto des Künstlers,
auf der linken auch. Das Gesicht erscheint und zerfällt
in jene digitale Quadratraster, mit denen im Fernsehen
Bildteile unsichtbar gemacht werden, die aus dem Fluss
der Veröffentlichung diskretionshalber herausgenommen werden.
Das Selbstportrait baut sich auf und verschwindet und kommt wieder.
Wenn dem Betrachter von dem Tempo der Selbstbefragung schwindlig wird,
kann er wieder vor die Wand treten und sich in den gedehnten
Zeitfluss des 48 Stunden-Bilderfrieses begeben.

Das künstlerische Verfahren, das Kai Zimmer in dem
Video NO QUESTIONS einsetzt, charakterisiert alle seine Arbeiten.
Seine Videos basieren auf dem Schnitt und der Montage,
einem traditionellem Mittel des Films und des Fernsehens.
In der Regel wird dieses Mittel jedoch in einer Weise eingesetzt,
die dem Schnitt im Grunde genommen zuwiderläuft,
nämlich um eine Kontinuität der Bilder zu erzeugen,
die den Schein oder die Illusion von Realität hervorruft.
Zimmer verwendet den Schnitt, um diese falsche Kontinuität
der Bilder zu zerstören. Dazu gehört vor allem, das die verwendeten
filmischen Mittel in den Videos selbst thematisiert werden.
Häufig tauchen auch die Apparaturen, mit denen die Filme
und Videos hergestellt werden, selbst im Film auf, so wie bei
NO QUESTIONS die Arbeitsoberfläche eines Computerprogramms.

Bei Kombination 1 von Kai Zimmer werden zwei sehr unterschiedliche
Zeitabläufe und Räume einander gegenübergestellt.
Der Fries aus Filmstills zeigt zwei reale Räume (Parkplatz, Bushaltestelle)
in einem zugleich gedehnten (48 Stunden) und sprunghaften
(für jede Stunde ein Bild) Zeitablauf. Das Video dagegen bewegt
sich in einem virtuellen, globalen Raum mit mehreren Bild- und
Sprachebenen und einem hektischen, mit der realen Zeit
um die Wette laufenden Tempo.
(Knut Nievers, 1999)