Seestück (2009)

SEESTÜCK SEASCAPE
(16:9, 7:20 Min., Farbe colour, D 2009)

Mitarbeit cooperation
Valeria Del Vecchio

Gefördert durch die Filmwerkstatt Kiel
der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

SEESTÜCK (Videostill, 2009)

Surreales Se(h)- und Hörstück

Surreale Szenerien kann man neben maritimen
Postkartenmotiven in Kiel entdecken. Zur richtigen
Zeit am richtigen Ort ergibt z.B. der Blick der Kamera
von der Eggerstedtstraße aus durch die Schuhmacherstraße
ein höchst seltsames Panorama: Mitten durch die Furt,
die die Häuser rechts und links der Straße bilden,
schiebt sich haushoch ein Schiff. In Kai Zimmers experimentellem
Kurzfilm SEESTÜCK ist diese seltsame Perspektive gleich mehrfach zu sehen.

Sein „Kiel-Film“ zeigt natürlich auch jene klassischen Motive,
die in der Malerei als Seestücke genre-bildend sind,
sprich Segelboote vor dem Horizont, Schlepper,
die sich durchs zeitweilig zeitgelupte Bild schleppen,
Möwen vor Wolken oder die Fährschiffe, deren An-
und Ablegemanöver den maritimen Puls der Fördestadt
bestimmen. Doch von Postkarten sind all diese Bilder in
Zimmers vertontem (wovon wir noch hören werden)
Foto-Film weit entfernt: allein schon durch die Kamerakader,
die in meist starkem Tele verfremdende Ausschnitte wählen.
Zimmer zeigt hier neben seinem filmischen
vor allem auch seinen fotografischen Blick.

Filmisch wird sein „Seestück“ durch die schon in früheren
Arbeiten wie z.B. NIGHT WINDOWS entwickelte Technik der
assoziativen bis Kollisions-Montage von Bild und Ton.
Der „Sound“ seiner Heimatstadt war überhaupt der
Auslöser für die Idee zum Kieler „Seestück“, das dadurch
nicht nur ein Se(h)-, sondern auch ein Hörstück ist.
Wie auf der Bild- kombiniert Zimmer auch auf der
Tonebene genre-typische und verfremdete Motive.
So hören wir „O-Töne“ ebenso wie typisierte Schiffstuten
und Windgeräusche, beide oft – nicht ohne Ironie –
verschoben zum Bild. Manche Möwe, die durchs Bild fliegt,
kräht dabei mit einem Ohrenzwinkern Zimmers wie ein Hahn.
Wenn durch ein besonders pittoreskes Motiv ein Tourist wandert
und seine Kamera hebt, um es abzulichten, hören wir den
standardisierten „Kamera-Klick“, wie er in Digitalkameras
als Erinnerung an frühere, analoge Fotozeiten gespeichert ist.

Unter all diese akustischen „Snapshots“, die die surrealen
Bilder „untermalen“, montiert Zimmer zudem als eine Art
ostinaten, immer wiederkehrenden Orgelpunkt düster raunende
Trommelwirbel und ein an Horrorfilme gemahnendes Sample
bedrohlichen Bass-Grummelns. Gerade dadurch entsteht eine
Stimmung konträr zu den (auch) postkartografierten,
seefahrts-romantischen Bildern. Die Szenerie der wie im
Fotoalbum gereihten Seestücke wirkt entrückt, wird zu einem Bilderbogen,
der Untergründiges unter der Oberfläche des von Lichtreflexen
bewegten Fördewassers erahnen lässt. Und das „Seestück“ wird
so auch zu einem abgründigen Seelenstück…
(Jörg Meyer)