Seestück (2009)

(7:20 Min., D 2009)

Surreales Se(h)- und Hörstück

Surreale Szenerien kann man neben maritimen Postkartenmotiven in Kiel entdecken. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort ergibt z.B. der Blick der Kamera von der Eggerstedtstraße aus durch die Schuhmacherstraße ein höchst seltsames Panorama: Mitten durch die Furt, die die Häuser rechts und links der Straße bilden, schiebt sich haushoch ein Schiff. In Kai Zimmers experimentellem Kurzfilm „Seestück“ ist diese seltsame Perspektive gleich mehrfach zu sehen.

Sein „Kiel-Film“ zeigt natürlich auch jene klassischen Motive, die in der Malerei als Seestücke genre-bildend sind, sprich Segelboote vor dem Horizont, Schlepper, die sich durchs zeitweilig zeitgelupte Bild schleppen, Möwen vor Wolken oder die Fährschiffe, deren An- und Ablegemanöver den maritimen Puls der Fördestadt bestimmen. Doch von Postkarten sind all diese Bilder in Zimmers vertontem (wovon wir noch hören werden) Foto-Film weit entfernt: allein schon durch die Kamerakader, die in meist starkem Tele verfremdende Ausschnitte wählen. Zimmer zeigt hier neben seinem filmischen vor allem auch seinen fotografischen Blick.
Filmisch wird sein „Seestück“ durch die schon in früheren Arbeiten wie z.B. „Night Windows“ entwickelte Technik der assoziativen bis Kollisions-Montage von Bild und Ton. Der „Sound“ seiner Heimatstadt war überhaupt der Auslöser für die Idee zum Kieler „Seestück“, das dadurch nicht nur ein Se(h)-, sondern auch ein Hörstück ist. Wie auf der Bild- kombiniert Zimmer auch auf der Tonebene genre-typische und verfremdete Motive. So hören wir „O-Töne“ ebenso wie typisierte Schiffstuten und Windgeräusche, beide oft – nicht ohne Ironie – verschoben zum Bild. Manche Möwe, die durchs Bild fliegt, kräht dabei mit einem Ohrenzwinkern Zimmers wie ein Hahn. Wenn durch ein besonders pittoreskes Motiv ein Tourist wandert und seine Kamera hebt, um es abzulichten, hören wir den standardisierten „Kamera-Klick“, wie er in Digitalkameras als Erinnerung an frühere, analoge Fotozeiten gespeichert ist.

Unter all diese akustischen „Snapshots“, die die surrealen Bilder „untermalen“, montiert Zimmer zudem als eine Art ostinaten, immer wiederkehrenden Orgelpunkt düster raunende Trommelwirbel und ein an Horrorfilme gemahnendes Sample bedrohlichen Bass-Grummelns. Gerade dadurch entsteht eine Stimmung konträr zu den (auch) postkartografierten, seefahrts-romantischen Bildern. Die Szenerie der wie im Fotoalbum gereihten Seestücke wirkt entrückt, wird zu einem Bilderbogen, der Untergründiges unter der Oberfläche des von Lichtreflexen bewegten Fördewassers erahnen lässt. Und das „Seestück“ wird so auch zu einem abgründigen Seelenstück … (Jörg Meyer)

Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.