Night Windows (2007)

NIGHT WINDOWS
(4:3, 4:30 Min., Farbe colour, D 2007)

NIGHT WINDOWS (Videostill, 2007)

In bewährter Collagetechnik, mit Nachtaufnahmen
und Tönen aus Hollywood-B-Filmen, lässt Kai Zimmer
einen Krimi aus dem Unsichtbaren entstehen.
(Katalog Nordische Filmtage Lübeck, 2007)

Combining night shots and sounds from
Hollywood B-movies in a tried and tested
collage technique, Kai Zimmer creates
a crime story in the dark.
(Catalogue Nordic Film Days Lübeck, 2007)

Filmisches Fensterln – oder: Die Fenster der Monaden

Wie schon frühere Arbeiten des ehemals Kieler,
jetzt Berliner Videokünstlers Kai Zimmer setzt sich
auch sein neuester experimenteller Kurzfilm NIGHT WINDOWS,
den er im Mai in der Kieler Filmwerkstatt mit Unterstützung
der Kulturellen Filmförderung S.-H. fertig geschnitten hat,
mit dem Medium Film selbst auseinander – dies in mehrfacher Hinsicht.

Doch „erzählen“ wir zunächst, was zu sehen – und zu hören ist:
Zimmer filmte mit der Hi8-Handkamera Fenster in der nächtlichen
Nachbarschaft seiner Berliner Wohnung. Menschen sind darin nicht zu sehen,
doch lässt die „wohnliche“ Beleuchtung erahnen, dass Menschen
hinter den Fenstern zugegen sind, leben, wohnen – und seufzen.
Den auf 4,5 Minuten Filmlänge recht rasch wechselnden Fensterbildern
unterlegt Zimmer (getreu dem Found-Footage-Prinzip,
das viele seiner Arbeiten als produktionsästhetisches Paradigma durchzieht)
als Soundtrack so genannte „Foleys“, Geräusche, erzeugt von Geräuschemachern,
aus diversen Hollywood-B-Movies. So hört man aus dem Off hinter
den Fenstern unruhige Schritte, Seufzen, ein Türklingeln, dem niemand öffnet,
eine klickende Telefonwählscheibe, ein Telefon, das niemand abhebt,
ja zuweilen auch Dramatischeres wie Scherbenfall, Schüsse oder einen Faustschlag.

Und in einigen Sequenzen auch ein Filmprojektorgeräusch –
denn es geht in diesem Film um Film, um die Kamera als
distanzierten Beobachter, der im Fenster der Kadrierung
die Nähe der Guckkastenbühne sucht, auf der das Leben spielt.
Genauer: dahinter, hinter den Fensterkulissen,
wo die keinen Blick hin gewähren. Der Kameramann nicht zuletzt
als Voyeur, der so sehnend nach Nähe(n) sucht wie wahrscheinlich
die Menschen jenseits der Fenster. Beziehungsreich dazu schließt
NIGHT WINDOWS an Zimmers experimentellen Kurzfilm
TVOYEUR (1995) an, wo er schon einmal filmisch fensterlte:
auf das schemenhafte Zucken von TV-Schirmen in fremden Wohnungen.
NIGHT WINDOWS (der Titel ist angelehnt an den Titel
eines Gemäldes von Edward Hopper) erzählt dabei Geschichten,
indem der Film keine Geschichten erzählt,
indem er „nicht-linear, fragmentarisch“ ist.
Auch so ein roter Faden in Zimmers Videoarbeiten.
Die Verbindung von Fenster-Still und Off-Geräusch
evoziert dennoch kleine Dramen des Alltags. Warum wird die Tür,
an der so drängend geklingelt wird, nicht geöffnet?
Warum geht keiner ans Telefon?
Fast möchte man an den Leibniz-Satz denken,
dass „Monaden keine Fenster haben“.
Zimmer zeigt sie – leer, blind, verlassen und doch belichtet
und beschallt, also bewohnt von unerzählten, ur-menschlichen,
geradezu archetypischen Geschichten.

Seltsam narrativ wirkt der Film gerade in seiner ostentativen
Verweigerung alles linear Erzählbaren, da ist Zimmer mal
wieder ein echter Coup gelungen: Nähe aus der Distanz, Distanz
des Voyeurs – beteiligt und doch nicht dabei – in seinem heimlichen
Nah-Seh(n)sucht-Blick, der Außen- und Innensicht zwischen den
Bild- und Tonfugen chamäleonhaft vorsätzlich verwechselt und in
all dem den Film als Medium an sich, seine Möglichkeiten und
Unmöglichkeiten, sein hoffendes Scheitern hinterfragt.

Und im Überblick auf Zimmers Werk vielfältige Querbezüge schafft:
Fenster, das Bildfenster der Kamera, die gerahmte, kamera-kadrierte
Wirklichkeit, werden in seinen Arbeiten immer wieder thematisiert.
Erinnert sei hier nur an die Fotoserie LIKE A COMPLETE UNKNOWN (1993-2007),
in der Zimmer quasi als Tagebuch über Jahre Fotos aus Fenstern von
Zimmern schoss, die er nur eine Nacht oder ein paar Jahre bewohnte.

NIGHT WINDOWS schließt einen Kreis, der um ein Thema kreist,
das sehr viel über das Leben und das Abfilmen des Lebens
(bzw. dessen Unmöglichkeit) sagt. Opus magnum möchte
man das nicht gleich nennen, gleichwohl hat Kai Zimmer in
seiner jüngsten Arbeit ein wenig auch sein bisheriges Schaffen
brennpunktartig verdichtet. Unbedingt sehenswert für Menschen,
die – vielleicht wie wir alle – verurteilt sind, Monade zu sein,
die nicht hinter ihre und auch nicht aus ihren Fenstern schauen kann,
und das gerade dadurch alltäglich, nein, nächtlich tut.
(Jörg Meyer, infomedia-sh)