Mu (2005)

MU
(4:3, 5:30 Min., Farbe colour, D 2005)

MU (Videostill, 2005)

Der Ablauf eines Tages gespiegelt in Ozus Emblemen.

The course of a day reflected in Ozu’s emblems.

Mehrwert des Nichts

Embleme für die Gesetzmäßigkeiten des Lebens
und seiner Grundbedürfnisse, aber auch für die
immer gleichen Tätigkeiten der Reproduktion“,
habe Yasujiro Ozu in den menschenleeren, fotografischen
Übergangseinstellungen in seinen letzten Farbfilmen
aus den Jahren 1958 bis 1962 gefunden, schrieb Getrud Koch
1983 in der „Frankfurter Rundschau“. Für den Ex-Kieler,
jetzt Berliner Videokünstler Kai Zimmer ist das das Material
für seine neueste „found footage“-Filmcollage mit dem Arbeitstitel
„Mu“, was so viel wie „Nichts“ heißt.

Fast nichts ist in der Tat in den beinahe Stills,
den filmischen Stilleben von verlassen scheinenden
Siedlungen und Haus-Interieurs zu finden, keine Bewegung,
keine Menschen, sozusagen ganz unfilmische Fotografie.
Und doch scheinen diese Bilder zu sprechen, von Geschichten,
die sich in diesen Räumen ereignet haben oder noch ereignen werden.
Der Mehrwert solchen „Nichts“ scheint das „Dazwischen“ zu sein,
die „Fuge“ am Übergang zwischen zwei Szenen oder
Handlungsträngen. So – emblematisch – setzt sie Ozu ein.
Indem Zimmer sie aneinander schneidet – als Handlungsstrom nur der,
dass der Blick von der Natur weit außen sich immer mehr
verengt in die Straßenzüge, dann in die Häuser, dann auf
einzelne Gegenstände – wird diese von Ozu intendierte Wirkung
gleichsam konzentriert und damit noch deutlicher. Auch dadurch,
dass Zimmer die Stilleben nach einem imaginierten Tagesablauf
organisiert, Aufstehen, zur Arbeit Gehen, abends Flanieren und
wieder nachhause Kommen. Und dass das ohne einen einzigen
Menschen funktioniert, zeigt erneut die emblematische
Kraft der Ozuschen Einstellungen.
(Jörg Meyer, Infomedia sh)