Revolution 18

REVOLUTION 18
(16:9 1080p, 25 Min., Farbe und s/w colour and b/w, D 2012/14)

REVOLUTION 18 Plakat/Postkarte (2014)

August 1917 bis zu den Tagen des Matrosenaufstands
im November 1918: eine bewegte, revolutionäre Zeit in Kiel.
Kai Zimmers experimenteller Dokumentarfilm
REVOLUTION 18
schildert sie aus der Perspektive der Tagebuchaufzeichnungen
des Ingenieurs Nicolaus Andersen.

Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel
der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.
Mit freundlicher Unterstützung der Landeshauptstadt Kiel.
Tagebuch zur Verfügung gestellt von Karl Altewolf.

REVOLUTION 18 (Ausgangsmaterial, 2012/14)

Auszug aus der Einführung zur Uraufführung
am 22.11.2012 in der Stadtgalerie Kiel

Ein wesentliches Formelement von Kai Zimmers Revolutions-Film
besteht darin, die Materialien, aus denen er besteht,
als solche auszustellen und ihre Ursprungsform zu bewahren.
Natürlich benutzt Zimmer Quellen und Dokumente –
seine Hauptquelle ist ein Glücksfund, wenn man so will:
das Tagebuch des Schiffbauingenieurs Nicolaus Andersen,
auf dessen Aufzeichnungen zwischen August 1917 und
November 1918 der Filmessay basiert. Zu dieser Hauptquelle,
die der Filmemacher selbst im monotonen Stil vorliest,
kommen Fotodokumente – allem Anschein nach Fotos
aus Privatarchiven und Postkarten. Schließlich mischen
sich Filmaufnahmen aus dem heutigen Kiel
und dem Umland in die Montagen.

Nirgends wird in und mit diesem Materialbestand
der Versuch einer authentischen Realitätsnachschöpfung
unternommen; die Materialien – alte Fotos und Postkarten,
neue Filmsequenzen und der bearbeitete Text des
Schreibers Andersen – bleiben, was sie sind und formen
sich zu einer Collage, deren Ergebnis dann nicht ein
scheinbar lückenloses Panorama der Novembertage bilden,
sondern ein höchst lückenhaftes, fragmentarisches,
auf die persönliche Erlebnisperspektive eines Einzelnen
heruntergebrochenes Puzzleteil eines historischen Prozesses.

Das wiederkehrend verwendete Stilmittel, viele der
Postkarten und Fotos ins Gras zu legen, ist gerade
so funktionalisiert: Die Fotos sind Fundstücke, ihres
Herkunftskontextes entrückt, in eine neue Umgebung gefügt,
wo sie auf ihren Gehalt untersucht werden müssen und
keinesfalls für sich selbst sprechen. Was an neueren,
rekonstruierten Materialien hinzutritt, ist erkennbar
neu erzeugt, heterogen zum historischen Material und
fügt sich nicht nahtlos ein, will nicht harmonisch passen,
sondern transportiert den Bruch mit sich.
Das Bild, das der Zuschauer sich aus dem ganzen fügt,
ist so immer ein gefügtes, gebautes –
eines, das seinen Interpreten immer mitdenkt.

Der Text, den Kai Zimmer vorträgt, ist durch die Bearbeitung
des Filmemachers einigermaßen spröde geworden.
Es wird nicht viel berichtet: das Wetter, die Temperatur,
Besuche bei Familienmitgliedern, gelegentlich Meldungen
von der Front, und immer wieder seine Kontakte zu P.,
seiner Freundin, mit der er offenbar bereits seit zehn Jahren
verlobt ist. Auffällig sind die Zahlen der Toten, die er geradezu
minutiös auflistet, wenn etwa auf der Werft ein Arbeitsunfall passiert.
Die Zahl der Toten und Verletzten wird dieser Andersen
auch protokollieren, wenn er die Vorgänge des
Matrosenaufstandes aufschreibt.

Es sind dies die Spitzen, die seine Aufmerksamkeit lenken
und seinen Bericht skandieren; jedenfalls mehr als es die
Vorgänge der Arbeiter und Gewerkschaftler. Zimmer
sammelt solche Schlüsselbegriffe heraus und stellt sie
zu Wortlisten zusammen, die das Prinzip der Collage
wieder aufgreifen. Unweigerlich beginnen wir als Zuschauer,
die Leerstellen in diesen Listen zu füllen. Kann es sein,
dass sich hinter den Alltagsskizzen des Werftingenieurs
ein Panorama des Revolutionsjahrs verbirgt? Fallen hier
die sensiblen Begriffe, die es braucht,
um das historische Tableau zu erstellen?

Da wird womöglich jeder seine eigene Antwort geben.
Für den einen mag die erlebte Geschichte des
Nicolaus Andersen einen schlüssigen Zugang
zum Matrosenaufstand eröffnen, für den anderen stellen
sich vielleicht mehr Fragen als Antworten.
Dies aber, so scheint es, ist die eigentliche Leistung von
Kai Zimmers Film: Der Film beansprucht nicht, die eine,
gültige, erschöpfende Quelle entdeckt zu haben
und auszuwerten; er beansprucht nicht die absolute
Deutungshoheit und Beweiskraft;
er zeigt vielmehr auf eine ganz rohe und ungeschminkte Weise,
was Geschichte ist: ein ungerichteter Verlauf,
ein unabgeschlossener Prozess,
eine kontingente Folge von Ereignissen, zu denen sich
kaum ein Standpunkt findet,
von dem aus sich ein Ganzes erkennen lässt.

Fotos und Filme, so habe ich anzudeuten versucht,
werden zu oft dazu genutzt, Faktizität herzustellen.
Zimmer geht in diesem Film den entgegengesetzen Weg:
Bilder und Filme sind immer nur Bruchstücke eines
größeren Ganzen, das immer wieder aufs Neue gedacht werden muss.

(Dr. Eckhard Pabst, Programmleiter Kino in der Pumpe, Kiel)